Samstag, 4. Juli 2015

Juli

http://www.commondreams.org/news/2015/06/24/after-13-years-hell-human-held-without-charges-has-one-question-us?utm_campaign=shareaholic&utm_medium=email_this&utm_source=email

https://www.youtube.com/watch?v=TXwCoNwBSkQ
Habe aufgegeben, Serien zu beginnen. Schlechtes Fernsehen oder kitschiger Hollywoodschleim? Wirklich?
Zu dumm, im Internet die richtigen Knöpfe zu drücken!
Mitbewerber - bei den Emmys chancenlos, wegen:
True Detective  von Nic Pizzolatto mit Matthew McConaughey, eine Erzählung...
Käme aus der geschwollenen Goldfeder eines zigarreschätzenden Hauptseminaristen im Fach Philosophie... Doch die Serie streift Sinn so ab, die alte Haut ist geschwollene Bedeutung und übrig bleibt doch Religion. Gegenwärtig als Spekulativer Realismus!
Das Internet explodiert vor Interpretationen: http://vigilantcitizen.com/moviesandtv/deeper-meaning-true-detective-season-one/
Was wird interpretiert?
"Ich sage immer aus Spaß, dass ich am liebsten eine Serie gemacht hätte, in der die Leute tatsächlich nichts anderes tun, als rumzusitzen und zu reden." http://www.zeit.de/2014/12/tv-serie-true-detective
Inhalt:
Nachts 1995, ein brennendes Zuckerrohrfeld. Die Leiche eines jungen Mädchens am nächsten Morgen.
Rust Cohle und Martin Hart beschäftigt der Fall 20 Jahre. Nun werden sie von zwei Polizisten als Verdächtige befragt. Die Zeit hat sie entzweit. Die Detektive suchen nach einem Mörder, ihrem Gewissen und ihrer Seele.
Konsequenz:
Die Fernsehserie als neuer Roman, den wir „bingen“
„Bingen“: eigentlich in Amerika reserviert für nächtliche Saufgelage unter Jugendlichen.
Wer nicht anders kann, der verprasst Zeit. Ich schaue nicht mehr, weil zu viele Serien, zu sehr in die Seele hinabführen.
True Detective ist der Rausch des Nihilismus, innere Reflexionswirbel. Entlang der Interstate 10, auf der irritierend sinnentleerten, erebnislosen Suche nach einem Mörder, auf der Suche Sinnlosigkeit zu verstehen. Ich habe keine Zeit für das Leben auf der Reflexionscouch.
Für viele die beste Serie aller Zeiten. Serie als Kulturprodukt, Kultur bleibt Konsum und verdeckte Sinnsuche. Hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=TXwCoNwBSkQ

Pluto http://www.zeit.de/wissen/2015-07/new-horizons-pluto-alan-stern

Missionen = Chuck Norris unternimmt sie, um Geiseln zu befreien, Christen, um uns alle ins Jenseits zu retten, ansonsten starten wir Missionen zu Pluto.
Warum?
Pluto bedeute eine wissenschaftliche Revolution der Kuiper-Gürtel.
Zunächst:
10 Jahre braucht eine Sonde zum äußeren Rand unseres Planetensystems. Bedarf: viel Impulskontrolle.
Dann: 2002 entzieht die Bush-Administration der New-Horizons-Mission die Finanzierung
Und jetzt zeigen wir Bush die lange Nase, wegen Revolution und so: große Eisflächen und Berge von mehr als 3000 Metern Höhe.
Stickstoffberge würden das nicht halten, zusammenbrechen, der Stickstoff ist nur Zuckerguß. Es SIND ECHTE BERGE!
Pluto inzwischen - kein Planet mehr – angeblich Neil Degrasse Tysons bedeutenste Errungenschaft.
 „Es sollten denen reichlich peinlich sein. Ich glaube, jetzt sehen alle Pluto und sagen "Hey, das ist wirklich ein Planet". Wir Planetenforscher nennen Objekte wie Pluto auch weiterhin Planeten.“ http://www.zeit.de/wissen/2015-07/new-horizons-pluto-alan-stern
Klassifikation von Objekten ist sekundär, ändert wenig an der Forschung. Warum also die Medien-Resonanz (die größte in der Geschichte der Nasa)? Weil Pluto jetzt doch wieder ein Planet ist. Schlussstein der Entdeckung unseres Sonnensystems, die mit den Voyager-Sonden begann.
Pluto ist eine Mission, so wie Menschen imaginäre Götter beweisen wollen oder Chuck Norris Geiseln in Filmen rettet.
Zhou, ein Beamtenbestecher, der mit der Gattin eines Klientin Sex hatte, sogar eine Tochter dabei verantwortete.
Chinesischer Staatssender CCTV  leitet die sachliche Vernehmung des Anwalts Zhou Shifeng. Signale senden, ein Huhn töten, um die Affen zu erschrecken.
Weil:
Kanzlei Fengrui stand in Verbindung zu Occupy-Central-Protesten in Hongkong.
Derweil: 200 Bürgerrechtsanwälte, Assistenten und Aktivisten wurden verhört, eine kriminelle Vereinigung zerstört, die krimineller Aktivitäten verdächtigt wird.
Verdacht. Doch nicht nur das:
"Er hat das Gericht verunglimpft, er hat sehr laut vor Gericht gesprochen, er hat den ganzen Fall auf Sina Weibo  hochgejazzt."
Sex, Zhou, der Dandy. Lotterleben. Eine Grafik, ein Mann, sechs weibliche Köpfe, bechriftet als Frauen.
Zhou Shifeng – Betroffener des Pauschal und Staatsfeminismus?
„Eine Frau im weißen Hemd tritt vor ihn, offensichtlich eine Mitarbeiterin des Gerichts, sie schimpft wütend: "Nur weil ihr immer so ein Theater macht, findet der Fall hier nie ein Ende!" (Zeit.de)
Klassische "Überzeugungsarbeit".
"schwarzes Gefängnis" Schlafentzug durch zwei Augenwächter (wie in Deutschland Selbstmörder geschützt werden).
Huang Liqun, Praktikant, sagt, Zhou sei "einfach entsetzlich laut". Zudem habe Zhou viel Geld verprasst.
„Dann folgt der Auftritt von Zhou Shifeng. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, im Hintergrund sind vergitterte Fenster zu sehen. Seine Augen sind tief umschattet und so klein, dass man sie kaum noch erkennen kann. Er hat Mühe, sich zu artikulieren, kann nur sehr langsam sprechen. Er sagt, sie hätten in der Kanzlei einige Arbeiter ohne Lizenz beschäftigt, die damit betraut gewesen seien, die Fälle und den Namen der Kanzlei groß zu machen. "Dabei kann es tatsächlich zu illegalem, vielleicht sogar zu kriminellem Verhalten gekommen sein."




Dienstag, 5. Mai 2015

Neurologie, Worte, die überzeugen und Weichsojaeier, Recyclingkultur

Als Wissenschafter gegen Trump nimmt man im Jahr 2017 am Science-Walk teil. Dabei ist Scientizismus eine relativ ungeklärte Philosophie in sich selbst. Ich frage mich in letzter Zeit vor alle, wie unsere Mischform der kapitalistisch-sozialistischen Olligarchie sich in eine Meritokratie umschmelzt. Der Imperativ der Wissenschaft zeigt sich bereits: Offensichtlich haben neurologische Fachwörter eine ungeahnte Überzeugungskraft. Die Königswissenschaft, macht Argumente einfach stark. Nach einem Artikel im Guartian überzeugt neurologisches Gebrabbel Studenten, auch wenn es überhaupt keinen Sinn ergibt (http://www.theguardian.com/science/shortcuts/2015/may/05/win-argument-pseudo-scientific-neuro-gibberish-neuroscience)

Ich bin darüber hinaus ein Weichsojaei, ein nutzloser Teilzeitveganer, der sich von seinem Körper zu den Genüssen des Grillfleisches verführen lässt. Mein Körper der Sünder. Doch Veganer sind die besseren Menschen und würden alle wie diese Konsumverweigerer leben, wir würden eher in der Kunst als im Müll zu Hause sein. Nun aber zeigen sich die hämischen Fleischesser, die ihren Zynismus wie Nazipack gerne rechtfertigen: Pflanzen haben auch Gefühle (http://www.huffingtonpost.de/2015/04/20/veganer-erziehen_n_7099460.html). Es gibt ja nun auch angeblich Burger, die sich nun gut wie überhaupt nicht mehr von Fleischburgern unterscheiden lassen (http://www.menshealth.com/nutrition/impossible-burger?utm_source=facebook.com&utm_medium=social&utm_campaign=paid). Leider aber wollen die Fleischesser ja nicht die Gefühle der Pflanzen verletzen.

Glücklicherweise müssen wir nun nicht mehr darüber diskutieren, dass Hitler auch Vegetarier war, sondern über den Umstand, dass schließlich Leben Leiden wäre. Als würde Licht, das nach und nach die Farbe eines Steins verändert, sein Bewusstsein verändern, so müssen Pflanzen auch fühlen. Ach und sollte hier nicht ein Funke Mitgefühl aufblitzen? Herr Fleischverzehrer geht sein Argument nicht eigentlich darum, dass Tiere nicht fühlen und wir deswegen kein Mitgefühl haben könnten? So absurd die Artikel erscheinen, Fleischnostalgiker haben sich damit einen Schritt von ihrer Position entfernt.

Alles wird recycelt, aber da freut sich nur der Messie und dann haben wir soviel, dass wir nicht mehr wissen, wohin mit unserem ganzen Recyclingkram.
http://www.einfachbewusst.de/2014/06/upcycling-als-philosophie/

Montag, 4. Mai 2015

China und Russland und Putin und Afrika und IS und Armenien

Die NavySeals mutieren derweil zur Jagd-Maschine, die auch Diebe gerne tötet (http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-06/seals-toetungen-kritik) Die "Typen sind wild geworden (...), diese Tötungsorgien sind Routine geworden", zitierte die Zeitung ein Ex-Mitglied, ohne dessen Namen zu nennen. Zugleich seien die Zielpersonen immer weniger bedeutend geworden. "2010 haben die Jungs Straßendiebe verfolgt. Die bestausgebildeten Soldaten der Welt verfolgten Straßendiebe", sagte das Ex-Mitglied.

Erschreckend ist das Einschleusen von Schläfern nach Europa. Die staatliche Verwaltung verkehrt den Krieg gegen den Westen in blutrünstiges Gemetzel. Während zuvor große Ziele anvisiert worden sind, steht nun der Alltag viel eher im Visier. Einzelne Attentäter gelten als effektiver: http://www.welt.de/…/Das-naechste-grosse-Schlachtfeld-ist-E…
Wer sich mal ein Video von Enthauptungen etc. angeschaut hat, der weiß, dass das nicht mehr billige Youtube-Aufnahmen sind, sondern eiskalte Propaganda. Und es tut mir leid, der Westen hat diese Zivilisten nicht im Visier und wenn ein Staat dazu in der Lage ist, dieses auch noch mit seinen allgemeinen Strategien zu rechtfertigen, ohne das dieses mehr durch rechtliche Barrieren aufgehalten werden kann, dann haben wir es mit einem minderwertigen System zu tun.

Montag, 20. April 2015

Wird die Welt besser? Kurznet Curve. Wie verhalten sich Banker?

https://en.wikipedia.org/wiki/Kuznets_curve

 1:12:30 Die Banker machen aus allem Geld / Problem hier ist, dass wir verallgemeinern. Es gibt jedoch Banker, die moralisch handeln. Warum aber gibt es Banker, denen Moral egal ist? Hier haben wir es mit einem strukturellen Problem von Gesellschaften zu tun und nicht mit individuellen Entscheidungen oder temporären Zeitstrukturen

https://ourworldindata.org/a-history-of-global-living-conditions-in-5-charts/?utm_campaign=coschedule&utm_source=facebook_page&utm_medium=Learn+Liberty&utm_content=The+short+history+of+global+living+conditions+and+why+it+matters+that+we+know+it

Donnerstag, 12. Februar 2015

Putin zu Gast bei Freunden: Aus der Kategorie was schenke ich meinem Freund dem Tyrannen

Nun in Ägypten gibt sich Putin die Ehre und bringt zu einem romantischen Dinner ein wohlüberlegtes Geschenk mit. Die AK-47 hat schon immer gut zu solch brüderlichen Anlässen gepasst und empfiehlt sich für den Herren, der nicht nur Geschmack beweisen, sondern auch Dominanz ausstrahlen will:

http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/putin-and-alsisi-enjoy-heartwarming-moment-over-a-kalashnikov-10035636.html

Derweil will die Türkei dem Bundespräsidenten niemals nie niemehr vergeben:

Die Regierung in Ankara hat die Äußerung des Bundespräsidenten zum Völkermord an den Armeniern scharf verurteilt. Man werde sie ihm nie verzeihen.
www.telegraph.co.uk/news/science/science-news/11507200/Google-makes-people-think-they-are-smarter-than-they-are.html?fb_ref=Default

Das barmherzige Volk der Türken stellt schließlich auch Beleidigung der türkischen Nation unter Gefängnisstrafe. 

Montag, 3. November 2014

Novembernous 2014: Stimmen zu unbedeutenden Geschehnissen Teil 1/Teil 2

Romane müssen für mich mit der Traurigkeit von vergehenden Novembertagen beginnen. Mit ihnen zieht ein Gewittergemüt auf, ein Seelensturm. Aus aus einer inneren Reflexionspower heraus erkennen diese traurigen Seelen den Verfall der Geschichte, die falsche Verwirblung der Geschichte. November sind leise und historisch passiert in ihnen wenig, aber geschichtlich passiert es in diesen Seelen. Es verschieben sich die Gletscher der Zeit in diesen Seelen und sie müssen hinaus, hinaus zur See, zu dem unruhigen Meer, zu dem unruhigen Meer, das die Unruhe in den Herzen bewegt. Melville beginnt sein Buch Moby Dick in eben dieser Weise:

"Whenever it is a damp, drizzly November in my soul;"

Dann genau dann zieht es die Männer zur See, sie fordern Geschichte, ein Abenteuer, eine Welt, für die es sich lohnt zu leben.

Der November zieht ins Abenteuer und hier beginnen, diejenigen, die gerne Abenteurer wären, doch eigentlich feige sind, weil zuviel Reflexion ihr Herz beseelt. Während wir Glück zumeist einfach nur konsumieren, entsteht im nordisch, kalten Gemüt eine negative Verdopplung der Welt. Es geschieht hier die wirkliche Geschichte. Denn Geschichte, so heißt es auch bei Wikipedia, sind die Aspekte der Vergangenheit, die vom Menschen erinnert und gedeutet werden. Geschichte ist eine äußere Welt von Innen heraus. Geschichte, das sind Romane, das ist unser Leben ins Seinsmomenten innerlich abgelichtet, in die Gehirnschale gepresst und in Worten wiederum ausgedrückt. Problem ist nur, dass wir das für gewöhnlich selten tun, wenn wir glücklich sind. Geschichte entsteht am Unglück der Menschen.

2008-05-25 Pittsburgh 133 Oakland, Carnegie Museum of Art - Museumof Natural History (2671453205)
von Allie_Caulfield from Germany [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
Diesen Monat spazierte - denn, was sollte ein November anderes hergeben? - ich mit John Harwey (Professor an verschiedenen Colleges hier) am Carnegy Museum vorbei und als Vin Diesel (wer weiß, welchen Film er hier gerade dreht) ebenso wie eine verlorene Seele vorbeispazierte, fragten wir uns, ob dies für uns ein historischer Moment war.

Pittsburgh ist eine raue Stadt mit Geschichte und auch eine Stadt, durch die immer der Glamour des Reichtums hindurchwehte. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten die reichsten Menschen der Welt in Pittsburgh und überschwemmten es mit Geld. Der Himmel in Pittsburgh verdunkelte sich im 20. Jahrhundert - vom Rauch der Stahlschmieden - doch die raue Stahlschmiede wurde bald zu einer Stadt mit Novembergeist umgeschmolzen. Gescheiterte Existenzen und Geld für Kultur rissen die Seelen in die Geschichte fort. Hier am Grunde der verlassenen Schicksale, in einem Schmelztiegel aus arm und reich entstand eine andere Geschichte. Männer wussten nicht wohin mit dieser Größe, suchten, ließen sich für den Vietnamkrieg rekrutieren, doch schufen eine verletzliche Seele in Pittsburgh, die fortan Geschichte sein sollte.

Die Stahlvergangenheit gab Pittsburgh mehr Brücken als Venedig und mit der Anreicherung durch Geist wurde Pittsburgh das Zentrum der Gegenwartsphilosophie. Es passt, dass irgendwo hier eine Nachfahrin Hegels in einem Buchladen arbeitet und es ist als hätte der Weltgeist sich in Pittsburgh niedergelassen, um traurig zu sein und um trotz aller Geschichtlichkeit ein bodenständiges Leben zu führen.



Nicht nur Batman wurde hier gedreht, nicht nur Christina Aguilera kommt von hier, nicht nur dass die Pinguins und Steelers die nationalen Meisterschaften gewinnen, auch nicht dass Zombieamerika seine Ursprünge in Pittsburgh hat und die ersten Zombiefilme hier gedreht wurden (ich sehe Menschen aus Tarantinos Gemetzeln oftmals hier beim Einkaufen), Pittsburgh hat außerdem die Wahl zum  schlechtesten, amerikanischen Akzent gewonnen und ist laut Economist dennoch die most liveable City in den USA.

Neben der Frage, ob wir jemals so eiskaltcool wie Vin Diesel mit Schweißerbrille sein werden und warum die wildwachsende Haarkranzglatze außer Mode gekommen ist, überlegten John und ich, ob es im 19. Jahrhundert noch ein Jahr gab, ein einziges Jahr, in dem nichts Weltbewegendes geschah, ein Jahr, in dem die Geschichte einfach anhielt, der Weltgeist eine Pause machte.
Plato-raphael
Irgendwann kam Platons Haarkranzglatze einfach außer Mode und womöglich geschah das in einem November

Einschub Maja: "Ich weiß überhaupt nicht, was Männer haben, wenn sie eine Glatze bekommen. Ich würde einfach Vin Diesel werden."

Gleiches gilt jedoch auch für heute: Während die Medien uns heute mit angeblichen Nachrichtenbeben überwältigen, fragt sich, ob diese Dauereruption in der Medienlandschaft tatsächlich von Geschichte berichtet. Zumindest gilt es bei der modernen Geschichte, die angeblich wie ein Vulkan brodelt, als amoralisch, wenn man sein Interesse an Nachrichten verweigert. Für meinen Teil brauche ich schon längere Zeit nicht mehr das wärmende Medienlagerfeuer am Abend, für mich ist das keine Vulkanglut und ich brauche keine externe Wärme, um mich aktualisiert, ubgedated und demokratisch zu fühlen.

Was war also die historische Dimension eines kalten, traurigen Novembers?

John Harwey: Zumeist erscheint Geschichte nicht im Horizont unserer Medien. Diese veröffentlichen nur geschichtliches Fastfood. Der Todesschütze von Osama Bin Laden veröffentlichte so ungefragt seine Identität (Verweis hier). Ein kurzes Echo im Mediengebirge, aber die Tatsache das ein Mensch einen anderen tötet, ist nur relevant, weil es kommuniziert wird.

Abgesehen davon aber stellt dieser Moment tatsächlich eine historische Qualität dar. Auf der einen Seite, ist es ebenso unbedeutend wie ein Löwe, der seine Beute reißt, zugleich aber ist es die moralische, spezifisch-menschliche Frage nach Mord, die medial in den USA jedoch nicht diskutiert wird, was eher auf ein prämoralisches Stadium und ungeschichtliches Moment hindeutet. Stattdessen instrumentalisieren die Medien den Täter, um zu fragen, ob es legitim ist, geheime Informationen zu veröffentlichen und ob er nun um sein Leben fürchten muss, weil ihn die Terroristen ja kennen. Natürlich können wir den Helden nicht verurteilen, denn das Individuum wird hier medial gewichtet und verschwindet dann hinter der Schablone des Helden, die wiederum die Frage nach der Moral hier gänzlich verdeckt. Gesellschaften aber, die ihre Moralsysteme nicht in Frage stellen, haben keine Geschichte. Das geschichtliche Moment ist also, dass sich der Weltgeist hier gerade nicht zeigt.

Anmerkung Norman Schultz:
Wie also ging es mit der Tötung von IHM zu? Nun, das können wir ganz nüchtern berichten:
Nach der Beschreibung des Todesschützen hatte sein LEADER, der Kopf des Tötungskommandos, bereits Osama Bin Laden verfehlt, so dass unser Held mit einer Heldenrolle in den Raum hinein hechtete und den dreckigen Halunken, der sich auch noch hinter eine seiner Frauen versteckte, niederstreckte. Durch sein Nachtsichtgerät konnte er das Böse eindeutig identifizieren und mit einem präzisen Vollstreckungsschuss brachte er den Amerikanern die ersehnte Rache. Damit hatte der Todesschütze den Hinterbliebenen vom 11. September sein Versprechen eingelöst und gezeigt, dass die Amerikaner Gerechtigkeit besitzen. Gerechtigkeit als Waffe der Verletzten.

Norman Schultz: Die nackte Wirklichkeit der Zeit gibt es nicht. Das sind nur die erotischen bis pornographische Phantasien von Historikern und Bibelgläubigen. Unsere Wirklichkeit wird durch die mediale Schneiderei gut eingekleidet, bis zur Unkenntlichkeit modisch frisiert. Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit, als Königin der Wissenschaft, in unserer Welt nicht nackt sein kann. Sie wäre vielleicht zu öde und langweilig oder aber immer relativ zu unserem gegenwärtigen Gerede. Die Wahrheit wäre nach der Moral von Tötung in einem Diskurs zu fragen, in einem Diskurs, in dem nichts als geklärt gilt, alles sich wenden und entschieden werden kann. Wahrheit darf nicht aktual, sondern muss prozedural betrachtet werden (ich kann hierzu das Buch von meinem Professor aus Köln, Edmund Braun, empfehlen: Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch). Doch die Öffentlichkeit fragt nach Helden, Rächern und Ruhm, nach dem Glanz des Momentes und nicht nach der gähnenden Langeweile und knarrenden Weite von Ewigkeiten, die sich in Diskursen als das fortwährende Spiel unserer Sinnsuche enthüllen.

John Harwey: Unser moralisches Mikroskop wird niemals die Stärke für tiefgreifende, moralische Fragen haben, die nämlich in die Ewigkeit der Unendlichkeit mäandern. Wir können nur verschwommene Ränder für den Zeitgeist sichtbar machen. Für die Medien ist dies untauglich. In der öffentlichen Meinung und dies gilt auch für Verschwöungstheorien sollen die Dinge konkret sein, Gesellschaften lassen sich aber nun mal nicht im Ganzen und in Detailschärfe zugleich deutlich machen, das kann nur die Dialektik, die im Diskurs unvereinbare Argumente durcheinanderwühlt, aufrüttel und sensibilisiert. Die Gesellschaft ist kein Gegenstand, und zwar ist sie genauso kein Gegenstand wie Tische und Stühle keine Gegenstände sind. Die Gesellschaft muss dynamisch bleiben, so dynamisch wie die Wirklichkeit.


Norman Schultz: Ich weiß noch wie ich mich mit einem Standardphilosophen in Köln über den Linguistic Turn (QUELLE) unterhielt und er mir vorhielt, dass er bei allem, was ich sage nur mit dem Kopf schütteln könne. Dabei sind dies genau die Positionen von Brandom, die ich vertrete, einem Philosophen, bei dem er dann doch gerne studieren wollte. Es ist etwas schwer für Menschen zu begreifen, dass der Großteil der Wissenschaft im Moment davon ausgeht, dass Objekte eher Resultate sind von der Art, wie wir die Welt begreifen, wie unser Gehirn operationalisiert und wie wir uns in Diskursen austauschen. Unser Zugriff auf die Realität aber muss anders rekonstruiert werden und da ist der Begriff "Objekt" sehr schwammig.

John Harwey: Genauso ist ein weitere Punkt, dass Verbrechen soziale Entitäten sind, die eben keine Objekte sind. Verborgenen entstehen immer im Verborgenen von Gesellschaften und übersteigen unklare Grenzen. Viele von uns wandern in Grauzonen: Ist es zum Beispiel angemessen Tiere zu essen? Menschen, die ungeschichtlich argumentieren, kennen hier ein klares "Ja", ganz einfach weil der Mensch für sie bereits feststeht und ein Raubtier sein muss. Für andere mag der Mensch noch nicht festgestellt sein und angesichts der Bedrohung durch künstliche Intelligenz, die Hawking nun sichtbar macht, ist es vielleicht auch Selbstschutz nach einer angemessenen Ethik für Beute zu fragen?

Die Amerikaner haben kein Instrument, um hinter ihrer Rache eine gesetzlose Tötung zu sehen, so wie wir wenig Argumente haben, die Moral von Tierrechten festzustellen. Weil also der Ursprung von Verbrechen im Verborgenen liegt, an einem blinden Fleck unseres Sichtfelds, haben viele dieser Verbrechen oft noch keinen, wirklichen Platz in uns, wir kennen einfach ihre Dimension nicht und wir wissen nicht, wie der Mensch sich vor dem Forum der Geschichte verantworten werden muss (ein Gedanke, den Plessner ja stark machte (QUELLE)).

Norman Schultz:
Unser analytische Blick ist verstellt durch konfuse Gefühle, die aus der Größe des ewigen Moments hervorströmen. Würden wir aber nur im Moment leben, so fände keine Geschichte statt und de facto gäbe es keine Geschichte. Nachrichten reduzieren Geschichte auf den Moment, er muss klar sektierbar und berichtbar sein. Deswegen ist es für die Amerikaner auch kein wirkliches Verbrechen sich spontan zu rächen. Spontane Rache ist ein ungeschichtlicher Moment, ein Augenblick, in dem etwas passiert und doch passiert nichts in der Geschichte. Rache ist eine schlichte Reaktion, die Gleichgewichte eines metaphysischen Kharmas herstellend darf. Ein gänzlich absurder Gedanke und der Weltgeist fällt zurück in ein animalisches Moment. Wenn hier in diesem November Geschichte geschah, dann war es nur ein Rückschritt, dass wir uns den Blick auf Wirklichkeiten verbauen.

Alfred Eisleben (schriftlicher Kommentar zu diesen Notizen):
Geschichtlich sind es heute auch die ausbleibenden Entwicklungen und vielleicht ist das unsere Geschichte, die mein Freund Derrida im Hinblick auf die Demokratie als Autoimmunisierung erkannte (QUELLE). Das heißt Systeme versuchen, einen Ewigkeitstatus zu erreichen, indem sie wirkliche Veränderung verhindern. Das Verborgene soll auch weiter im Verborgenen bleiben, damit alles so weiter gehen kann, wie bisher. Das ist die Tyrannei, die ja Platon schon am weitesten von der Wahrheit entfernt sah (QUELLE).

Norman Schultz (Anmerkung zur Notiz von Alfred Eisleben):
Die ausbleibende Aufhebung der Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt ist mit Sicherheit eine solches Verfehlen. Sexualisierte Gewalt verschwindet hinter dem kindlichen Erinnerungsvermögen und kommt oftmals nicht zur Anzeige, daher haben wir auch keine Informationen über die Auswirkungen (unbeachtete Argumente, die ich verfasst habe, dazu hier). Verdrängung ist ein Element von unterdrückenden Gesellschaften.

Anmerkung Alfred Eisleben:
Genauso soll die angestrebte Totalüberwachung der Menschheit eine Unvermeidlichkeit darstellen, doch die Wirklichkeit des Verbrechens bleibt immer im Verborgenen. Deswegen weiß niemand genau, wie politische Wirklichkeit wirkt. Es ist schlicht Totalüberwachung nicht möglich, weil wir nur begrenzte Verarbeitungskapazitäten haben. Deswegen ist es auch für die Medien schwierig, aus der Überkomplexitität in entsprechenden Abständen Skandale zu produzieren, weil es keine Skandale gibt, sondern nur sehr komplexe Sachverhalte. Für den Durchschnittskritiker aber gerät die Frage nach den Verantwortlichen zu einer Frage nach dunklen Verschwörern. Der Verschwörer aber ist nur ein Strohmann für die Unerklärlichkeiten, die sich aus super-komplexen Systemen ergeben. Früher nahmen wir dafür den Teufel an, heute sind es menschlich widerwärtige Seelen, die unter dem Deckmantel von Wirtschaftskartellen operieren sollen.

Als Resultat sind die entdeckten Skandale dann das, was weder wahr noch gänzlich falsch ist und was Aristoteles die Meinung nannte. So ist Schröder ein Genosse der Bosse und Merkel käuflich Meinungen sind gesprächstauglich, weil sie klar abgegrenzte Inhalte anbieten. Die Zeit aber wird meines Erachtens nicht bestimmt durch das, was Meinungen transportieren, sondern durch die komplexen Mechaniken, die Meinungen nicht repräsentieren können.

John Harwey: Da kommen die zwischenmenschlichen Tötungskommandos gelegener, denn offensichtlich hatte der Mörder Bin Ladens einem der Hinterbliebenen von September 11 versprochen, IHN zu töten. Es sind also nicht die Drohnen, die in afghanischen Teezeromonien einschlagen, die die Medien reizen. Dies ist aber nicht, weil die Medien dies wollen und Schattenmänner über ein Verdunklungsunternehmen verfügen, sondern weil die Medien genauso von der Dynamik des Geredes ergriffen sind. Jeder, der meint Klarheit ein für alle male produzieren zu können, gerät dabei in eine Sackgasse.

Aus allem gesagten ergibt sich aber, dass es nicht die Oberflächen sind, die von Bedeutung sind. Daher ist Guantanamo weiterhin das Ereignis, das dieses Jahr bestimmt, doch die Unmenschlichkeit hat eher Kontinuität und ist daher nicht direkt medientauglich. Es ist absehbar, dass das Thema im historischen Rückblick die Amerikaner als Friedensmacht herausforder muss. Insofern sich das Ewige nicht als Event vermarkten lässt, gibt es wenig Berichtenswertes. Man stelle sich eine Sendung vor: Das Ewige - Live!

Darüberhinaus kann der Zeitgeist so selten in seiner Zeit identifiziert werden, weil er selbst nicht in Erscheinung tritt, sondern selbst nur durch zu spät greifende Reflexion auf historische Momente in Erscheinung tritt.


John Harwey: Einhergehend mit dieser Schwäche der Gerechtigkeit darf der Staat sich stärken. Die Welt bestehe schließlich aus dubiosen Geheimnissen, versteckten Winkeln, wo Verbrechen geplant werden. Der selbe Grund, der uns von der Wahrheit fern hält, gilt hier als Legitimation. Während Privatpersonen kein Recht auf Privatsphäre vor staatlichen Augen haben sollen, denn Verbrechen entstehen ja schließlich im Verborgenen, so muss doch der Staat dieses Geheimnisrecht haben, um das Verborgene aus dem Verborgenen hervorzuholen (Siehe: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-11/bnd-nsa-untersuchungsausschuss-herr-b/seite-2).

Wenn das keine Hegelianische Dialektik ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

Norman Schultz: Dies ist der Zeitgeist, dies ist das Weltereignis, nämlich dass die Verbrechen immer im Verborgenen entstehen und sich dialektisch an unserer Moralentscheidung in die Geschichte verbreiten.

Alfred Eisleben:
Im Grunde fragt der Untersuchungsausschuss zum Überwachungsskandal, ob Totalüberwachung sinnvoll ist, muss aber selbst im Verborgenen agieren. Die Moderne glaubt hierbei als Archivarskultur die Welt kontrollieren zu müssen. Doch der Archivar kann nur an den Stellen einsteigen, da das eigentliche Verbrechen schon geschehen ist. Wo das Archiv der Grundstein moderner Wissensproduktion ist, ist der Menschen bereits schlecht, weil das Archiv nur offen legt, was falsch lief. Im Archiv werden wir alle als potentielle Straftäter gelistet, das heißt im gewissen Sinne erreichen wir Gleichheit durch den Verdacht, dass der Mensch böse ist. Hiervon grenzt sich dann das vermeinte Gute ab, so ist Totalüberwachung gut, weil es auch Böses gibt. Woher aber käme das Gute, wenn es kein Böses mehr gäbe?

John Harwey: Starke Gesellschaften verwinden die Angriffe der Schwachen durch Nichtachtung. Gnade und Nobilität sind die Instrumente des Guten.

Norman Schultz:
Komplexer ist Russlands Verlegung von Panzern in die Ostukraine. Die Destabilisierung der Region ist natürlich nur westliche Propaganda, denn Russland ist anders als die USA der Weltfriedenshüter: http://www.zeit.de/politik/2014-11/usa-sanktionen-russland-kiew

Hier zeichnet sich eine Medienmüdigkeit bei den Konsumenten aus, wobei Medien abgelehnt werden, dennoch aber greifen die Medienmüden auf einfache Erklärungsmuster zurück. Dann ist es ganz klar: Die USA sind schuld an der Misere der Menschheit und wie gehen weiter in Moralsysteme, die auf Ressentiment aufbauen.

Der interne Blick auf den Wissenschaftsstandort Nummer 1 sieht anders aus. Die USA funktioniert derweil ökonomisch auf Grundlage der Schiefergasausbeutung wieder, wobei Obama auf politischer Ebene abgemeldet ist: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-11/us-wahlen-kongress-barack-obama-waehler, dennoch behaupte ich, dass die konzeptionellen Entwicklungen im Hinblick auf die Moral von den USA bestimmt sein werden, einfach aufgrund der Publikationsmacht, die sie im Wissenschaftsmedium aufgebaut haben. Auch die Blogossphäre wird von englischen Analysen geprägt.

John Harwey:
Republikaner marschieren nun wieder in Washington, denn die Gegenpartei macht schließlich immer alles falsch. Im einfachen Verstand machen allerdings irgendwann alle alles falsch, wobei nur ein zynischer Rest des Selbstverständnisses übrig bleibt. Überlegungen, dass die Natur den Menschen nicht verdient hätte, sind die Folge.


Norman Schultz: Wegmarken

Meanwhile: Deutschland steigt in den Sternehimmel auf. Deutsche Küche ist weltweit verpönt und Menschen lästern auch in Deutschland gerne. Was natürlich Deutsche Küche ist, ist unbekannt, aber deutsche Restaurants werden immer besser. Exzellenz mit dem Blick zu den Sternen. http://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2014-11/michelin-restaurantsfuehrer-sterne-2015

So wie in Interstellar Menschen ihren Blick in die Himmel richten. Christopher Nolan zeigt, was die Medienindustrie an Abfallprodukten hinterlässt.

Ansonsten ist das weniger komplexe Weltereignis die Schachweltmeisterschaft. Anand spielte gegen Carlsen in Sotschie und verlor. Calrsen blieb Weltmeister.: http://www.zeit.de/sport/2014-11/schach-wm-viswanathan-anand

Und vieles mehr, der November war kaum gleichgeschaltet im Sinne der Historie. Im Sinne des Geschehens ist der November eher historienschwach, er zeigt eher, wie die moderne Dialektik zwischen Individualschuld und Kollektivschuld sich verschärft. Der Dezember sollte ein Monat der Reflexion und weihnachtlichen Besinnung auf die historisch wirklichen Momente sein.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Im Menschentreibhaus kann nur ein Reicher uns retten: Material Sloterdijk



Norman Schultz: Was halten sie von Peter Sloterdijks Überlegungen zur Inklusion der Armen in eine Gesellschaft der Reichen?


Alfred Eisleben:
Der Reiche muss nach Sloterdijk in Zukunft Inklusion betreiben. Er kann nicht mehr den durchschnittsarmen Weltbürger die Überreste seiner Wohlstandsfete überlassen. Er kann auch nicht mehr zusehen, wie die Weltbürger sich auf ihrer Selbstmordparty feiern und niemand die Rechnung übernimmt.

Norman Schultz: Ist das Thema nicht ein sehr klassisches Thema in der Philosophie?

Alfred Eisleben: Ja, Sloterdijk wiederholt schlicht die Frage nach Gerechtigkeit, die bereits Platon in seinem Hauptwerk der Politea zur Reife brachte. In einer Welt, wo jeder sich vorrangig um das eigene Business kümmern soll, dort entstehen Externalitäten, wobei der Organismus der menschlichen Gesellschaft nicht über genügend Entgiftungsorgane verfügt, um dieses Treiben sich auch leisten zu können. Aufgrund der horrenden Ressourcenrechnung, die uns die Welt ausstellt, kann ein Reicher sich in Zukunft nur selbst retten, indem er die Gesellschaften rettet, die ihn tragen. In dieser Weise ist die Frage nach Gerechtigkeit schlicht die Frage nach Harmonie. Es geht also nicht direkt darum, dass der Reiche sich rettet, sondern darum, dass Harmonien schlicht etwas gutes sind.

Ich möchte auch noch Platons Überlegungen hinzufügen: In einer Gesellschaft in der es Bettler gibt, in dieser Gesellschaft gibt es auch Diebe.

Norman Schultz: Haben wir es mit der Umstellung der Gesellschaften mit einem historischen Materialismus zu tun, das heißt, dass die Weltgeschichte sich in einer Evolution höher entwickelt?

Alfred Eisleben: In einer Gesellschaft, die die Welt wie ein erdballgroßes Uhrwerk umspannt, müssen die Räder im Getriebe bei Öl bleiben. "[P]hilanthro-kapitalistische Makropolitik" steuere nach Sloterdijk daher auf den "spendablen Welt-Steuerstaat" zu. Ich weiß nicht, ob das notwendig der Fall ist. Momentan ist die Erde die einzige, globale Ressource, wobei der einheitliche Himmel unter unserer selbstverursachten Abgasglocke EIN Globus geworden ist. Die Reichen können tatsächlich keine Reservate mehr bauen, die sie von den anderen Weltbürgern trennen, weil schlicht kein Platz mehr ist. Der Reiche ist in globale Atemreichweite der Armen gekommen. Das dieser Trend aber notwendig zu einer besseren Gesellschaft führt, braucht nicht der Fall sein, insofern sich nämlich Reiche wieder eigene Reservate schaffen können, so bliebe die Ungerechtigkeit bestehen.

In anderen Worten, nur die momentane Gesellschaft muss sich durch Inklusion retten. Für mich aber bleibt die Frage bestehen, warum sollen wir gerecht sein und da halte ich es nicht mit Sloterdijk, sondern mit Nietzsche: weil wir stark genug sind, uns Gerechtigkeit zu leisten. Menschen haben eine innere Kraft nobel zu sein.

Norman Schultz: Da sie sich auch als Zukunftsforscher mit vielen Themen seit den 70ern beschäftigen, wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage der Gesellschaft ein?

Alfred Eisleben: Im Menschentreibhaus erhitzen sich die Gemüter nun mit der Natur zusammen. Im Inneren unserer Konstruktion wurde die Natur stark internalisiert und unsere Handlungen verschwinden nicht mehr in der Weite der Natur, sondern sie kehren als Naturkatastrophen, als Rache unserer Handlungen zurück. Im Weiteren ist schon wie mein Lehrer Adorno feststellte, die Technik keineswegs mehr etwas, womit wir die Natur beherrschen, sondern die Technik ist eine zweite Natur, die uns rückwirkend bestimmt. Bestimmung und Fremdbestimmung gehen Hand in Hand.

Auf die rohe Situation jedoch gebracht, habe nach Sloterdijk die Natur nun ein Gedächtnis bekommen, das sich in allen zukünftigen Formen der Technik und Natur gegen uns wenden mag. Nach Adorno war dies der Rückschlag der Technik, die einst zur Befreiung geschaffen, doch nur neue Zwänge hervorbringt.

Für Adorno war allein die Kunst Befreiung.

Dieses Interview mit Alfred Eisleben bezog sich auf folgendes Interview von Peter Sloterdijk
http://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-sloterdijk-ueber-zukunft-revolution-des-geistes-1.371816-3